Die Menschen sollen Fragen stellen

Von Theresa Bender-Säbelkampf

„Die Mutter aller meiner Schlachten war es, Jüdin zu werden”, erzählt Marcella Ravenna über das Suchen ihrer Identität als ebrea italiana im 21. Jahrhundert. Sie ist eine von mehreren Vertretern der jüdischen Gemeinde in Ferrara, die in der Ausstellung „Die ersten tausend Jahre“ im MEIS, dem „Museo Nazionale dell’Ebraismo Italiano e della Shoah“ – zu deutsch Museum des italienischen Judentums und der Schoa in Italien – via Leinwand zu Wort kommen.

Das Museum in Ferrara versucht, die Geschichten von Mitgliedern der lokalen jüdischen Gemeinschaft ganz nahe an das Publikum heranzubringen. So lernt man auch die bulgarische Jüdin Jose Bonfiglioli kennen. Sie sagt von Ferrara, es sei „das goldene Tor“ zu einem der bekanntesten jüdischen Zentren Italiens.

In Ferrara, der 200.000-Einwohner-Stadt in der italienischen Region Emilia Romagna, befindet sich auch das Grab von Giorgio Bassani. Der Schriftsteller hat hier am jüdischen Friedhof, umgeben von Rosenbüschen, seine letzte Ruhestätte gefunden. Sein bekanntestes Werk „Die Gärten der Finzi-Contini“ gilt als Klassiker der italienischen Literatur über die Schoa und schildert das Leben junger italienischer Juden der Stadt, das mit Mussolinis „Rassengesetzen“ 1938 sein Ende nahm. Eine Gedenktafel im ehemaligen jüdischen Getto ehrt Bassanis Engagement: Im Getto gründete er eine Schule, um den ausgegrenzten jungen italienischen Juden Zugang zu Bildung ermöglichen.

„Stätte des Dialogs werden“

Noch vor den Langobarden, Normannen, Franken und Spaniern wurde Italien von Juden besiedelt. Nicht ohne Grund nannten sie die Halbinsel auf Hebräisch I TAL YA, also „Insel des göttlichen Taus“. Ihren Zuzug nach Ferrara haben die Fürsten von Este begünstigt, die Guidei aus Rom, Sizilien, der Toskana und sephardische Juden aus Spanien und Portugal aufnahmen, als sie woanders hinter die Tore des Gettos gesperrt wurden.

Das 2011 eröffnete MEIS liegt unweit des historischen Kerns Ferraras in der Via Piangipane, es ist unverkennbar: Eine Menora aus Metall zieht sich über die ganze Fassade. Früher war hier das städtische Gefängnis der italienischen Faschisten untergebracht – auch Bassani selbst war hier inhaftiert. „Für uns ist es sehr wichtig, einen geschlossenen Ort, der eine negative Konnotation hat, in einen offenen zu verwandeln“, erzählt Museumsdirektorin Simonetta della Seta im Gespräch mit der FURCHE. „Ich empfinde es als eine Mission, an einem Ort, der historisch so negativ besetzt ist, nicht nur über das italienische Judentum zu sprechen, sondern ihn auch zu einer Stätte des Dialogs zu machen.

“Sehr lebendig versucht das Museum, jüdische Geschichte zu erzählen: auf papierenen Tempelmauern lodern projizierte Flammen, man hört Schreie, die Vergangenheit, die Zerstörung des Tempels von Jerusalem und die Opfer rücken in die Gegenwart der Museumsbesucher. Nach Ende des Krieges im Jahre 74, den die Einwohner Jerusalems verlieren, wurden Tausende Juden und Jüdinnen ermordet und unter Titus als Sklaven und Gefangene nach Rom deportiert. Schon seit 180 n. Chr. gibt es da ein reiches jüdisches Handelsleben. Von dieser Präsenz im 4. und 6. Jahrhundert zeugen vor allem eine Vielzahl an Grabstätten und Katakomben, die anstatt Inschriften typisch jüdische Symbole zeigen; eingemeißelt haben sie die sieben-, manchmal neunoder fünfarmige Menora.

Im jüdischen Alltag

Abermals unterjocht, spiegelt sich eine schwindende Toleranz Roms unter Kaiser Konstantin im jüdischen Alltag wider. So war es den Juden laut dem Kodex von Theodosius untersagt, eine Christin zur Frau zu nehmen und umgekehrt. Ein Verstoß gegen dieses Gesetz wurde als Ehebruch geahndet.

Im italienischen „Meridione“ hingegen siedelten sich Juden und Jüdinnen noch vor der Zerstörung des Tempels als freie Kaufleute an und trugen zur Blüte des kulturellen Reichtums und auch zur Weiterentwicklung geistiger Schriften des „Volk des Buches“ zwischen dem 7. und 11. Jahrhundert bei. Zu einem besonders markanten Bruch kam es kurz nach Ende der ersten tausend Jahre im Zusammenleben von Christen und aschkenasischen Juden im Rheinland während des Ersten Kreuzzuges in 1096.

Das MEIS legt ebenso Wert auf die Aufarbeitung der Geschichte der italienischen Schoa: „Juden wurden nicht erst mit der Geschichte der Schoa geboren, die viele Europäer für das einzige Stück jüdische Geschichte halten“, erklärt die Museumsdirektorin della Seta. „Juden haben eine starke Identität und sind Interpreten des Lebens und Träger positiver Lebenswerte.“ Die Pflege des kollektiven Gedächtnisses sieht della Seta als ihre Aufgabe. „Die kollektive Erinnerung ist ein komplizierter Prozess, ganz zu schweigen von der Erinnerung des Einzelnen, die weitaus verwirrter sein kann. Geschichte und Erinnerung sind nicht das Gleiche.“

„Gesetz der Erinnerung“

Ein bedeutender Schritt für die Bewahrung der kollektiven Erinnerung ist nicht nur das „Gesetz der Erinnerung“ aus dem Jahr 2000, das nicht zur Öffnung von Ministerien, Schulen und Archiven führte, sondern den Diskurs an Schulen und Universitäten fördert. Auch die diesjährige Präsidentschaft Italiens in der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) soll zur Aufarbeitung der faschistischen Vergangenheit Italiens beitragen. Diese hat nur teilweise nach Ende des Zweiten Weltkriegs stattgefunden und wurde mit den Roten Brigaden – als politische und schreckliche Antwort auf den Faschismus – in den 1980er –Jahren wieder aktuell.

Einen besonderen Platz im kollektiven Gedächtnis der Italiener repräsentiert die Auschwitzüberlebende Liliana Segre, die am 27. Januar 2018, am offiziellen Tag der Erinnerung in Italien, zur Senatorin auf Lebenszeit im italienischen Parlament ernannt wurde: „Die Stimme von Liliana Segre wird im italienischen Parlament gehört, weil sie Tiefe hat und weil Segre eine Erfahrung gemacht hat, die andere nicht hatten und die niemand anzweifeln kann. Sie kann der italienischen Bevölkerung sicherlich eine Lektion lehren.“

Was sich Simone della Seta wünscht? Menschen sollen Fragen stellen: „Wer sind diejenigen, die italienischen Juden ihre Häuser weggenommen haben? Wer sind
die Italiener, die ihren Arbeitsplatz übernommen haben? Wer sind die Italiener, die sie verraten haben?“ Diese Fragen hat Italien noch nicht beantwortet.

Auch aus diesem Grund versucht das Museum MEIS in Ferrara, in seinen Ausstellungen, jüdische Geschichte(n) zu dokumentieren.

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